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Bereits Ernst
Ludwig Kirchner und dessen expressionistische Kreise
entdeckten das Motiv der Berliner Großstadt als einen
facettenreichen und faszinierenden Ausdruck menschlichen
Lebens. Anders jedoch als bei den lebendigen und
kraftvollen Gesamtdarstellungen der Expressionisten
wendet sich Renata Tumarova in ihren Bildern
spezifischen Stadtszenarien zu. Zunächst verborgen
hinter einem Schleier aus großstädtischer
Geschwindigkeit oder glänzenden Regenwänden treten in
ihren nächtlichen Szenen immer wieder einzelne Menschen
oder Personengruppen hervor. Während diese für einen
Moment aus ihrem Alltag herausgerissen werden und wie im
Zeitlupentempo verharren, fliegen die Lichter und
Reflexe der Stadt an ihnen vorbei und erwecken den
Eindruck tiefer Melancholie und Einsamkeit. Der
Betrachter selbst findet sich dabei unweigerlich in den
oftmals großformatigen Bildern der Künstlerin wieder,
wenn er beispielsweise in "After midnight" einer jungen
Frau mit rotem Mantel und gelbem Regenschirm
gegenübersteht, ganz so, als wäre er Teil jener
zeitlichen Verkürzung, welche die Grenzen zwischen Bild
und Betrachter auflöst.
Im Gegensatz
dazu begibt sich die Künstlerin in Gemälden, wie "I
thought I could join them" oder "Moll Gree - The
arriving of the gambas" an die Küsten Venedigs und
Spaniens. Sie entfernt sich von den düsteren Motiven der
Großstadt und wendet sich statt dessen dem bunten und
temperamentvollen Leben jener südlichen Regionen zu. Auf
ihren Reisen zu den Orten ihrer Bilder fängt sie deren
Charakteristiken ein. Atmosphärische Lichtwirkungen und
natürliche Impressionen spielen dabei ebenso eine Rolle,
wie das Leben der Menschen und deren offene Mentalität.
Fast schon
virtuos vermag es die Künstlerin dabei mit den Ölfarben
umzugehen und die Zustände verschiedener
Stofflichkeiten, wie die schimmernde Transparenz des
Regens, die spiegelnden Reflexe einer Wasserpfütze oder
die Leuchtkraft von Scheinwerfern und Laternen,
wiederzugeben. Durch eine bewusst gewählte
Ausschnitthaftigkeit, die an die Anfänge der
amerikanischen street photography erinnert, lenkt Renata
Tumarova den Blick immer wieder auf bestimmte
Situationen. Gleichzeitig implizieren jene Ausschnitte,
dass der Betrachter stets nur den kleinen Teil eines
großen Ganzen vor Augen geführt bekommt und, dass das
Weiterdenken über die Grenzen des Bildträgers hinaus
durchaus erwünscht ist. Ein gedanktlicher Spielraum ist
es schließlich auch, welcher die Konturen der Motive
verschwimmen lässt und einzelne Personen, wie das junge
Mädchen in "Wieder am See" in einen dunklen Schatten
verwandelt, der lediglich das platonische Abbild einer
verborgenen Realität darstellt. Renata Tumarovas Bilder
unterliegen dabei einem stets unvollendeten Charakter,
welcher die nicht immer ganz eindeutigen Orte zu
fragmentarischen Ausschnitten der menschlichen Existenz
erweitert.
Julia Dziumla,
galerie gerken, Berlin, copyright:
publicated by galerie gerken on occasion of the former exhibition at galerie gerken.
Herausgeber, Kopierrecht; Publisher, Copyright: galerie gerken, Tanja Gerken, Auguststraße 49, 10119 Berlin
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