Der Bildhauer Michael Schoenholtz ist in Duisburg-Meiderich geboren und aufgewachsen. Und zwar in jenem Stadtteil, in dem zuvor auch der Bildhauer Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) geboren und aufgewachsen war. Gut, Zufall. Immerhin aber fand Schoenholtz dieses Faktum erwähnenswert, als man ihn vor bald 20 Jahren (1987) im Zusammenhang mit einer Ausstellung in Gotha/Thüringen, wo damals Lehmbruck-Werke zusammen mit Werken zeitgenössischer Bildhauer aus der DDR und der BRD gezeigt wurden, um einen Katalogbeitrag zur Kunst des großen Kollegen bat. Schoenholtz äussert sich da ausführlich zu Lehmbrucks „Gestürztem Jüngling“ von 1916. Und bis heute ist sein Text der eindringlichste, sensibelste und treffendste zu dieser Plastik (ein Bronzeguss gehört der Neuen Nationalgalerie). Aus diesem Text möchte ich einige Sätze zitieren, die sich (wenn auch mit einigen Einschränkungen) wie ein Kommentar zu Schoenholtz’ eigenen Skulpturen lesen: „Hier gibt es keinen Handlungsablauf, kein Vorher, kein Nachher, hier ist alles Zustand. (Die Plastik wird) auf unerhörte Weise raumgreifend, raumbestimmend. Nicht in Bewegung ist die Plastik, aber sie zwingt den Betrachter, sich beim Betrachten um sie herumzubewegen. Es gibt da keine ‚Schokoladenseite’, die ein umfassendes Bild von einem Punkt aus vermittelt und die zum Verweilen auffordert. Ein schärferer Gegensatz zum zweidimensionalen Bild ist kaum denkbar. (…) Mit äußerster Rigorosität wird die Figur unter das Joch der Symmetrie, der Architektur gezwungen. Jede Bewegung ist fortgenommen, durch symmetrische Anordnungen wird Ruhe, Starre bewirkt. Menschlich-Fleischliches ist gänzlich entfernt, der Körper wird zur entpersönlichten, verallgemeinerten, anonymen Figuration. Und als solche, reduziert auf ein Gerüst, das nur mehr allgemeine Proportionen des menschlichen Körpers aufweist (in jedem Detail aber vor Plastizität birst!), umfasst sie Raum, birgt sie Raum, fesselt sie Raum, bestimmt sie Raum in einer Weise, wie Plastik und Skulptur das selten vermocht haben. Die Story, die Anekdote, das Drama – alles was der Titel verheißt – sie vermögen das nicht, das tut allein die von all dem emanzipierte, dreidimensionale Formung, die zurückfindet (…) zu ihrer angestammten Nähe zur Architektur.“
Im Blick auf die Schoenholtz-Werke, die Sie hier sehen, möchte ich einige Stichworte hervorheben: Keine Handlung, sondern Zustand. Raumumfassung, Raum-bergung, Raumfesselung, Raum-bestimmung, Symmetrie.Keine Schokoladenseite – deshalb muss sich der Betrachter bewegen. Ruhe, Starre, Gerüst – und, ganz wichtig: Architektur. Architektonische Gestaltung ist auch einer der Hauptbegriffe in Adolph von Hildebrandts Bildhauertheorie, veröffentlicht in seinem einflussreichen Buch „Das Problem der Form in den bildenden Künsten“, 1893. Wilhelm Lehmbruck z.B. kannte es; Schoenholtz kennt es wohl auch. – Als Devise zusammengefasst: Vom Körperbau zum Baukörper. Das Prinzip architektonischer Gestaltung klingt auch im Titel dieser Schoenholtz-Ausstellung an: „Aus dem rechten Winkel“ – das ist doppeldeutig und so gewollt. Von Rechtwinkligkeit ausgehend und aus Rechtwinkligkeit herauskippend, beide Lesarten sind möglich – wir können Ähnliches an einigen in der letzten Zeit in Berlin errichteten Gebäuden sehen – Zaha Hadid (Dessauer Strasse). Soviel zum ganz Allgemeinen. Nun zu einem Beispiel: Die Schoenholtz-Skulptur „Ohne Mitte“ von 1998. Zunächst nur elementare Sachfeststellungen: Vier Quader aus grobem Muschelkalk. Vier zwar ähnlich proportionierte, nicht aber identische Quader. Sie ruhen ohne Sockel auf dem Boden, sind also mit uns in einem Raum. Sie sind vermittels von Ausklinkungen ineinandergesteckt oder –gefügt und bilden so eine gemeinsame Gestalt. Sie lassen zwischen sich, der Titel stößt uns darauf, eine Mitte frei. Kreuzungen, Überschneidungen, Durchdringungen, Volumen-schübe in die vier Himmelsrichtungen, kantige Begrenzungen. Aber die Mitte bleibt leer. Versuch, das zu verfeinern und vielleicht zu verstehen:
1. Das Material: Muschelkalk. Also Sedimentgestein, bestehend aus in Jahrmillionen abgelagerten Organismen. Schoenholtz sagt: Ich arbeite mit Organischem, ehemals Lebendigem; ich arbeite mit dem Leben.
2. Die Blöcke sind mit Hammer und Meißel zugehauen, sind nicht maschinell zugeschnitten.
3. Die Quaderblöcke sind unterschiedlich, es sind vier einzelne Individuen.
4. Die sind zwar verklammert und bilden so eine Art Familienzusammenhang; aber der könnte jederzeit aufgehoben werden.
5. Es sind vier kleinere und verschiedene Körper, die sich zu einem einzigen und größeren zusammensetzen.
6. Es ist ein Körper im Raum, der in seiner Mitte einen leeren Raum bildet, ein durch Umschließungen entstandenes virtuelles Volumen.
7. Die leere Mitte – bedeutet Sie, um einen berühmten Buchtitel aufzugreifen, Verlust der Mitte? (Hans Sedlmayr, gerade ein Bewahren der Mitte, eine offene Umhüllung des Zentrums?
Ich denke, hier müssen wir, die Betrachter, jeder selbst zu einer Antwort finden. Um zum Ende zu kommen, gehe ich an den Anfang zurück, zur Kindheit von Wilhelm Lehmbruck und Michael Schoenholtz in Duisburg-Meiderich. Die Strasse, in der Lehmbrucks Geburtshaus steht (heute noch steht; heute hängt eine Bronzetafel dran: In diesem Hause wurde der große Bildhauer Wilhelm Lehmbruck am 4.1.1881 geboren), diese Strasse also hieß früher Hühnerorter Strasse. Sie wurde im Januar 1956 umbenannt in Wilhelm-Lehmbruck-Strasse. Vielleicht gibt es dort in Meiderich – oder hier in Berlin – demnächst eine Schoenholtz-Strasse.
Professor Dr. Karlheinz Nowald
17.09.2004