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Skulpturen und Plastiken sind recht rohe Dinge, die voll physischer Präsenz in die Wirklichkeit hineinragen und gleichsam in ihrem Dasein beständig aus dieser herausstehen. Seit ihren frühesten Anfängen sind sie exotatika - Ausstände. Zwar ist dies nach wie vor die grundsätzlichste Verfassung der Bildhauerei, doch über die Jahrhunderte ging das Wissen um sie verloren und ist in der Moderne nur noch verschüttet zu ahnen. Was dazu führte, dass sich Bildhauer wie Julio González, Constantin Brancusi und später David Smith aus der Not einer scheinbar voraussetzungslosen Situation heraus eine ganz eigene Tradition erarbeiten mussten. Diese moderne Bodenlosigkeit traf das in solcherart Dingen nahezu traditionslose England besonders schwer, da die jungen Bildhauer nach dem Zweiten Weltkrieg nicht willens waren, das überkommen etablierte Repertoire Henry Moores oder einer Barbara Hepworth schlichtweg fortzuführen. Anthony Caro etwa wandte sich nach Amerika und nahm bereits gegen Ende der 50er die Anstöße von Smith auf. Weder Smith noch Caro wollten wie bislang der Wirklichkeit abbildversessen oder surreal überhöht nachmodellieren, sondern beide empfanden es als unbedingt notwendig, sich auf die Grundtatsachen der Plastik zu besinnen - ihr hart gefügtes wie gegenstrebig geeintes Dastehen. An die Stelle einer mehr oder minder naturalistisch modellierten Skulptur trat eine abstrakt gebaute. Was aufgrund der elementaren Formsprache zunächst wie ein Verlust aussah, wirkte sich jedoch für die Bildhauerei als äußerst fruchtbar aus, da mit einem Mal das plastische Denken wieder dinglichen Boden unter die Gedanken bekam. Um Caro bildete sich mit Phillip King, William Tucker und einigen anderen Mitte der 60er an der Londoner St. Martin's School of Art eine lose verbundene Gruppe, die sich, von verschiedenen Kritikern bald als "certain younger englishmen" tituliert, anschickte, die englische Bildhauerei neu zu begründen. Solch ein "junger Engländer" ist nun auch David Evison. 1944 in China geboren, übersiedelt er als Kind nach England, studiert in den 60ern zunächst Malerei in Leedsx und schließlich Bildhauerei an der St. Martin's. Es sind die griechische und barocke Plastik, Picasso und Matisse, besonders aber der "erste Meister des Schweißbrenners" González und schließlich Smith - "bold, authoritative and intense" -, die ihn entscheidend prägen. Ausstellungen wie "New Generation Sculpture" und "David Smith 1906 - 1965", vor allem aber die Begegnungen mit Caro, King, Tucker, dem amerikanischen Kritiker Clement Greenberg, Helen Frankenthaler und Kenneth Noland bestärken Evison darin, dass es fern von Gips, Marmor oder Bronze möglich ist, überzeugend und zugleich zeitgemäß mit Eisen, Stahl oder Aluminium zu arbeiten. Das, was Stabilisierung einer figürlichen Skulptur diente, trägt sich nun, seiner eigentlichen Funktion entkleidet, gefasst von selbst. Das Plastische macht die Plastik und gibt ihr die Form. Nach verschiedenen Ausstellungen und Gastprofessuren trägt seine Berufung an die heutige Universität der Künste im Sommer 1980 zweifelsohne zur weiteren Klärung der plastischen Probleme bei. Evison übernimmt die Klasse Philip Kings, der Experimentelle Plastik unterrichtete, unterrichtet selbst aber Konstruktive Plastik. Die Lehre und Auseinandersetzung mit den Studenten als Professor einer eigenen Klasse lassen ihn die Grundfesten der eigenen Arbeit überdenken und prüfen, was in der praktischen Arbeit Bestand hat und überhaupt machbar, was lehrbar ist. Evison ist mitunter aus einer gewissen Scheu heraus mit seinem Werk hinter der Lehre zurückgetreten und hat von Beginn an beachtliche Bildhauer ausgebildet und auf den Weg gebracht. So ist es kaum verwunderlich, dass er abgesehen von einigen Gruppenausstellungen in fast dreißig Jahren kein Einzelausstellung in Berlin haben wollte. Die Ausstellung "Full Frontal! David Evison" in der galerie gerken in 2008 ist insofern in jeder Hinsicht ein beachtliches "erstes Mal". Sie versammelt vier große, jüngst entstandene Skulpturen zusammen mit zwei kleineren Arbeiten, bislang ungezeigten plastischen "Skizzen" sowie Zeichnugnen. Der Ausstellungstitel, salopp mit "volle Breitseite!" übersetzt, gibt die Ausrichtung vor. Ungebunden und entblößt liefern sich sowohl der Bildhauer als auch das Werk der Betrachtung aus. In der Besinnung auf den jeweils herauszustellenden plastischen Ort setzt Evison die Betrachter und die umgebenden Dinge in ein Verhltnis zueinander, das den Raum in all seinen Dimensionen - vorn-hinten, rechts-links, oben-unten, nah-fern - überhaupt erst erfahrbar macht. Zu bedenken ist allerdings, dass seine Plastiken nie nur eine Hauptansicht besitzen, der sich die anderen Seiten unterordnen, sondern vielmehr vollansichtig sind. In dieser strukturalen "Blöße" erscheinen sie gegenüber dem Betrachterblick wie eine einzige geschlossene Front und sind in ihrer Wirkung von größter Unmittelbarkeit. Evison arbeitet in Serien. Auch seine neuen Plasitken - die SCADES - bilden eine solche. Jede Arbeit zeigt Ansätze und Stadien eines bildhauerischen Problems. Ohne Sockel, Basis oder Plinte stehen die SCADES da. Es sind aus dunkel satten Stahlplatten verschweißte Gestelle, in welchen schillernde Aluminiumbänder wie hineingewunden hängen. Indem sich die SCADES als von der Umgebung abgegrenzte Flächen aufspannen, nehmen sie einerseits struktural Raum ein. Doch gleichermaßen betonen sie den leeren Raum, da sie ihn in Form von Durchblicken und sich verschiebenden Perspektiven durchschneiden, umstellen und einfalten. Man sieht sich einer klar umrissenen Struktur gegenüber, die sich gewissermaßen selbst sockelt oder von Innen her rahmt und aus dem Gegensatz zu den schweingeden Aluminiumbändern und der Grenze von bewusst geformtem Material und eigensinnig eigenförmiger Materie hält. In offenem Zusammenzug streben diese plastischen Module nun aus - und gegeneinander, wodurch sie sich zugleich und dessen ungeachtet stabilisieren wie im Gleichgewicht halten. Die Richtungslinien - Horizontale, Veritkale, Diagonale, Kreisbogen - werden als gegenläufige Kontraste zu Beziehungslinien: Rechteckiges steht gegen Kreisförmiges, eine Kurve läuft einer Geraden zuwider, Oben steht gegen Unten. Und dennoch gelingt es vermöge dieser alsolut ausgeführten Kontraste, zwischen den streng geschiedenen Teilstücken einen Ausgleich im Ganzen zu schaffen aus dem Lot geraten, die umschlungenen Faltungen und additiven Schachtelungen sich leicht gekippt und schräg "verklappt" zu allen Seiten neigen. Die Bezeichnung SCADE selbst ist eine Zusammenstreichung des Wortes "Cascade", das wiederum dem Italienischen entlehnt ist: "cascare" für "fallen" oder "cascata" für "Wasserfall". Von dieser gedanklichen Leichtigkeit hat sich Evison in seinen jüngsten Arbeiten tragen lassen. Massiv ragen die Stahlgestelle auf und scheinen vielfach von Licht durchbrochen dennoch leicht und filigran. Die ornamental eingeschwungenen Aluminiumbögen brechen dieses Licht und bewahren es hell und schaumig oder wie sprähende Gischt auf ihrer Oberfläche, wo es bald turbulent strömend oder flüchtig überspringend schimmert. Die räumliche Allgegenwart dieses Flächenlichts bricht überdies die reine Vertikalität der SCADES, da die gestaffelten Pläne mit den durchlichtenden Bewegungszüge in in diskreter Symmetrie stehen und sich derart zum Raum hin auffalten. Evisons SCADES sind trotz ihres hart gefügten Baus erstaunlich sinnlich. Verführen sie den Blick doch entlang der lasziv sich öffnenden Durchsichten, welche sie gleichsam mit den ornamentalen Bändern unentwegt verhüllen. Die Betrachtung sit verlockt, in die skulpturale Tiefe vorzudringen. Sie wird jedoch wie von bauschig aufgewehten Vorhängen auf Distanz gehalten. Man erschaut die durchschienenen Silhouetten, deren treibender Kern gleichwohl nur zu ahnen ist. Hinzu tritt die dem Schwarz des Stahl entgegengestrichene Textur des Aluminiums, das mit dünnsten Farblagen überzogen ist. Diese flach aufgewischten Texturen in Grün, orangem Kupfer, zartem Rosa oder Blau legt Evison wie einen körperlosen Film über die SCADES, so dass das Aluminium selbst farbig erscheint. Er hebt die eingearbeiteten Lichteinschlüsse in farbiger Transparenz und es gelingt ihm durch dieses bunte Ausschillern, selbst dem lastenden Stahl eine anmutige "Empfindung der Schwerelosigkeit" zu geben. Ein Eindruck des Schwebens, der sich ebenso vor Matisses späten Papierschnitten einstellt, bei welchen Farbe und Papier in Eins gehen sowie Grund und Figurales einander in ausgewogenem Glanz fortwährend über- und unterlagern. Das Ringen mit der Form, aber damit verbunden auch stets mit der Form- und Vorstellungskraft ist es, was Evisons SCADEs auszeichnet. Als bildhauerische Konstruktionen sind sie Zwischenformen. Die plastische Spannung der Form besteht nicht für sich, sondern entsteht erst zwischen ihren Teilen, dem Licht und ihrer Umgebung. In der Her- und Hinstellung einer Konstellation, in der Beziehung zwischen den einzelnen Teilen liegt ihr eindrucksvoll Bildnerisches. Da die Beschäftigung mit der Verfassung der Plasitk und ihren Orten, aber auch mit dem modernen Kanon der Bildhauerei besterdings weder zu bewältigen, noch abschließbar ist -, führen alle Verdammungen und scheinbaren Überwindungen des einen wie des anderen nie sonderlich weit. Nachdrücklich hat Evison immer wieder betont, "there's so much unfinished business". Waren es in den 60ern "certain younger englishmen", die es zu sehen galt, lässt sich nun sagen, dass es heute ""certain elder Englishmen" sind, die es zu sehen gibt. David Evisons SCADES - erfrischend klassisch und gefasst zeitgemäß - offenbaren dies aufs Schönste. Author: Christian Malycha,
courtesy galerie gerken
Publicated by galerie gerken on occasion of the former exhibition at galerie gerken.
Herausgeber, Kopierrecht; Publisher, Copyright: galerie gerken, Tanja Gerken, Auguststraße 49, 10119 Berlin
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